Beitrag der Autorengruppe „Seitenspinner“ im Handbuch für Autorinnen und Autoren Ausgabe 6 im Uschtrin Verlag 2005

Die Autorengruppe Seitenspinner wurde 1996 in München gegründet und hat derzeit 14 Mitglieder (11 Frauen und 3 Männer im Alter von Anfang 30 bis Anfang 80). Alle zwei Monate treffen sich etwa fünf Mitglieder zur intensiven Textarbeit. Die Gruppe hat vier gemeinsame Anthologien veröffentlicht und sechs öffentliche Lesungen veranstaltet.

Wie kommt so eine Gruppe zustande, und wie funktioniert sie in der Praxis? Wie werden Texte besprochen, wie gehen die Mitglieder mit Kritik und Konflikten um? Um darüber zu berichten, trafen sich fünf „Seitenspinner“ zum Gespräch: Sylvia Englert („Katja Brandis“), Helga Gruschka, Marie-Luise, Claudia Ruß und Edith Wiegel.

 

Edith: Das erste Treffen der Seitenspinner war spannend. Am Vormittag hatten mich zwei Leute angerufen und gesagt: „Ich komme nicht.“ Und sind dann doch gekommen. Jeder war sehr aufgeregt, weil er mit seinen Texten zum ersten Mal in einem Rahmen auftrat, der nicht Schreibwerkstatt war. Es ist sehr konstruktiv verlaufen und hat viel Spaß gemacht.

Claudia: Wir kannten uns zum Teil aus dem Seminar „Raus aus der Schublade“ von Jürgen vom Scheidt. Ich kann mich noch gut an dieses Gefühl erinnern: Es gibt andere, die in der gleichen Situation sind, die ähnliche Hoffnungen und Befürchtungen haben wie ich selbst.

Edith: Tja, und jetzt treffen wir uns schon zum 67. Mal. Ich zähle immer schön mit bei den Protokollen. Zu denen hat mich Dirk angeregt, eines der Gründungsmitglieder. Es ist für die Seitenspinner gedacht, die bei einem Treffen nicht dabei sein können, damit sie wissen, was gelesen worden ist und welche Aktivitäten außerhalb der Arbeitstreffen geplant sind. Wir haben immer auch einige Mitglieder gehabt, die nur sporadisch kommen möchten. Dafür muss eine Autorengruppe auch offen sein, wir sind ja alle freie Autoren und nicht Kinder, die in die Schule gehen.

Sylvia: Dass immer wieder neue Leute kommen, finde ich interessant.

Edith: Diese Offenheit hat sich als sehr wichtig erwiesen. Es gab Zeiten, in denen Autoren, die schon lange bei der Gruppe waren, gerade kein Interesse an einer Kritik oder vielleicht eine Schreibflaute hatten. Dann kamen Neue dazu und damit neue Texte, andere Meinungen und Anregungen.

Sylvia: In einer anderen Autorengruppe habe ich erlebt, dass jedes Mal neue Leute ihre Texte vorstellten. Die alten Mitglieder kamen gar nicht mehr zu Wort - witzlos!

Ma-Lu: Manche Leute sind nur einmal zu unseren Treffen gekommen, weil sie gemerkt haben, dass sie nicht dazu passen. Aber das kam zum Glück nicht so oft vor. Es ist wichtig, dass eine gewisse Kontinuität da ist.

Sylvia: Eine Gruppe braucht ein paar Jahre, bis sie gelernt hat, wie man auf einen Text eingeht, wie man kritisiert und das fachliche Wissen da ist. Als ich das erste Mal zu den Seitenspinnern kam, hörte ich nur Lob. Das war schmeichelhaft, brachte meine Arbeit aber nicht vorwärts und ich überlegte, ob ich wieder kommen wollte. Aber dann erhielt ich zu anderen Texten sehr qualifizierte Kritik. Das fand ich gut und ich arbeitete manches in meine Texte ein.

Ma-Lu: Ich hatte vorher kaum Autorengruppenerfahrung. Das erste Mal saß ich dabei, fand alle Texte „schön“ und hätte gar nichts dazu zu sagen gewusst. Ich staunte, wie alle erkannten: Da stimmt die Perspektive nicht oder das Verb passt nicht rein, der Part ist langatmig und da steige ich aus. Schon diese Ausdrucksweise war mir nicht geläufig. Ich habe geschwiegen und war furchtbar schüchtern. Aber im Laufe der Zeit wird es ganz selbstverständlich, dass man Schwachstellen im Text erkennt und seine Kritikpunkte anbringt.

Claudia: Die Art und Weise, wie wir Texte kritisieren, hat sich im Laufe der Jahre geändert. Am Anfang haben wir sehr genau an der Sprache gearbeitet, was interessant war, aber manchmal nicht so ergiebig, weil wir uns verzettelt haben. Jetzt geht es vor allem darum, wie ein Text wirkt, welche Art von Resonanz er bei den Zuhörern auslöst.

Sylvia: Manchmal ist die Kritik knallhart subjektiv. Teilweise bekomme ich entgegengesetzte Meinungen zu einem Text. Dann muss ich entscheiden: „Was sagt denn mein Gefühl?“ oder „Wie ist der Einwand begründet?“ Dann entscheide ich, welche Kritik ich aufnehmen und umsetzen werde und welche nicht.

Helga: Für mich war es am Anfang schwierig, Kritik anzunehmen und zu verarbeiten. Aber ich habe gelernt, Kritik nicht als Vorwurf oder Angriff, sondern als Anregung anzunehmen. Jede Kritik hilft mir, meinen Text zu verbessern.

Sylvia: Man muss darauf achten, dass das Feedback konstruktiv bleibt.

Helga: Mir haben Schreibwerkstätten nicht viel Selbstvertrauen als Autorin eingebracht. Durch die Seitenspinner habe ich sehr viel gelernt, sodass ich mich jetzt freue, einen Text vorstellen zu dürfen. Früher habe ich eher gezittert!

Sylvia: Aber man braucht auch Mut dazu. Ich würde viel lieber Texte vorstellen, von denen ich schon weiß, dass sie was taugen. Aber nein - ich zwinge mich dazu, die zu nehmen, bei denen ich ein schlechtes Gefühl habe und weiß, da muss ich noch was tun. Damit mache ich keinen so guten Eindruck, aber das muss ich riskieren.

Edith: Es ist auch wichtig für den Schritt nach draußen, dass man ein Gefühl dafür bekommt: Wie reagiere ich auf Kritik? Wie könnte mit meinem Text umgegangen werden? Ich kann mir in einer Autorengruppe überlegen: Lasse ich jetzt einen Text los? So lernt man vielleicht, wann man wirklich bereit ist für den nächsten Schritt und diese Geschichte irgendwo anbietet.

Ma-Lu: Es gibt in Schriftstellerkreisen Leute, die meinen, dass sie als Genie geboren sind und dass man Schreiben nicht lernen kann. In Wirklichkeit kann man wie bei jeder Kunstform auch beim Schreiben Technisches lernen, um das Werkzeug Sprache professionell und vielseitig zu benutzen.

Sylvia: Ich finde, wir haben alle ein ähnliches und recht gutes Niveau. Deswegen bin ich auch noch Mitglied der Seitenspinner. Es würde mir nicht viel bringen, mit Anfängern zu arbeiten.

Claudia: Wir haben uns bei jedem Neuen in der Gruppe bemüht, auf ihn einzugehen und ihm Hinweise für seinen Text zu geben, mit denen er weiterarbeiten kann. Nur glaube ich, dass manche etwas anderes erwartet haben. Es hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass sie schon so auf ihren Text fixiert waren, dass sie keine Kritik mehr annehmen wollten. Solche Leute haben nicht die Voraussetzungen, in einer Autorengruppe mitzuarbeiten.

Sylvia: Genau. Und wir sind zwar offen für Neue, aber wir sind eine private, geschlossene Gruppe. Bei uns muss man sich mit einem Probetext „bewerben“ und im Prinzip können wir auch jemanden einfach bitten, wieder zu gehen.

Ma-Lu: Wir schauen uns diese Texte an und entscheiden dann, ob derjenige in die Gruppe passt, treffen also eine Auswahl. Aber insgesamt bin ich froh, dass wir sehr tolerant sind, was die Inhalte von Texten angeht. Ich kann mich nicht erinnern, dass hier jemals gesagt wurde: Einen Text mit so einem Inhalt kann man nicht schreiben.

Edith: Es geht eher darum: Ist es schlüssig erzählt?

Sylvia: Ich finde auch gut, dass wir uns so viel Zeit - meist etwa eine Stunde pro Teilnehmer - für die Texte nehmen. Das habe ich in noch keiner Gruppe erlebt. Dass wir uns alle vier Wochen treffen, finde ich super, da ich sehr viel schreibe. Und dass wir dann abends danach noch zusammen essen gehen. Wir können über die Branche sprechen, welche Wettbewerbe gerade laufen und welche Verlage gerade was suchen.

Helga: Dieses Beisammensein ist auch ein Zeichen dafür, dass wir uns auch außerhalb unseres Zieles, Literatur zu schreiben, gut verstehen.

Edith: Und uns über die Treffen der Autorengruppe hinaus miteinander vernetzen können.

Ma-Lu: Es ist einfach so, dass Schreiben ein einsamer Job ist. Und wenn man andere Leute drei Stunden lang über das Schreiben voll quatscht, dann schalten sie irgendwann ab. Mit Autoren kannst du die ganze Nacht darüber reden. Und ich denke, auch mit den kleinen Konflikten, die hin und wieder auftreten, sind wir bisher ganz gut umgegangen. Wenn jemand etwas veröffentlicht oder ein Stipendium erhält, dann kommen vielleicht bei den anderen, die sich genauso angestrengt haben, Neid und Konkurrenzgedanken auf. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass es der Gruppe geschadet hat.

Edith: Als die erste Anthologie erschien, habe ich überlegt, worauf ich stolzer war: darauf, dass Texte von mir darin waren oder darauf, dass wir sie gemeinsam gemacht hatten. Das war ein schönes Gefühl. Wir haben gegenseitig die Texte lektoriert, gemeinsam die Coverabbildung ausgewählt, das Ganze gesetzt und am Schluss ein Exemplar gedruckt in der Hand gehalten.

Sylvia: Inzwischen ist ja schon die zweite Anthologie veröffentlicht. So was ist nur möglich über Book on Demand, das muss man ganz klar sagen. Dadurch, dass man auch wenige Exemplare drucken lassen kann. Das ist einfach erschwinglich. Wir haben bei der ersten Anthologie nur ganz wenig zugezahlt pro Person.

Helga: Inzwischen können wir unsere Anthologien durch die Einkünfte aus unseren Lesungen finanzieren. Zu diesen Lesungen, die wir ein- bis zweimal im Jahr veranstalten, kommen immer zahlreiche Freunde, aber auch Fremde. Wir haben meist über sechzig Zuhörer. Es bedeutet viel Arbeit, eine Lesung zu organisieren, aber in der Gruppe macht es einfach Spaß.

Sylvia: Die Stimmung war jedes Mal genial.

Helga: Wir haben ein so großes Spektrum, dass für jeden Zuhörer etwas dabei ist: In der Gruppe sind zahlreiche Genres vertreten, vom Jugendroman bis zum existenzialistischen Krimi, von Kurzprosa und Skizzen bis zu langen Erzählungen und Novellen, Satiren und Fantasy.

Claudia: Das klingt mir jetzt alles fast zu positiv. Ich denke, wir sollten realistisch sehen, was eine Schreibgruppe einem geben kann und was nicht. Man kann nicht erwarten, dass man durch so eine Gruppe etwas wird, was man aus sich selbst heraus nicht werden kann. Es ist keine homogene Gemeinschaft oder ein Zug, der dich irgendwohin trägt. Eine Schreibgruppe wirkt nur unterstützend.

Sylvia: Mehr braucht man oft nicht. Du weißt als Autor oft nicht, ob deine Texte etwas taugen, bist sozusagen "betriebsblind". Deshalb bin ich immer froh, wenn positives Feedback kommt oder konstruktive Kritik. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin und das ist wahnsinnig viel wert.

Edith: Ich muss mich als Zuhörer fragen: Was gefällt mir an diesem Text und was nicht. Wenn ich mit dem Thema nichts anfangen kann, halte ich mich zurück. Aber wenn ich meine, die Geschichte ist nicht optimal erzählt, ist das ein Ansatzpunkt für Textkritik.

Ma-Lu: In solchen Situationen kommen oft Fragen. Der Text ist zu Ende, es entsteht ein Schweigen und dann fragt jemand: Wie hast du das am Schluss gemeint?

Edith: Ich finde, das Wesentliche ist, was für eine Wirkung der Autor erzielen will. Bei Claudia kann ich mich gut erinnern, dass sie erst mal überlegt: Kann man das so schreiben? Kann man etwas, das sich im ersten Moment komisch anhört, verstärken und vielleicht auch zum stilistischen Mittel machen?

Claudia: Ich gehe immer davon aus, dass in der Textgestaltung eine Methode ist, ein Formwille.

Edith: Das finde ich als Ansatz sehr gut, denn darum geht es ja in einer Autorengruppe: Du stellst deinen Text zur Diskussion und ich nehme dich ernst. Wenn er misslungen ist, wird das im Laufe der Diskussion klar, wenn der Autor merkt: Mensch, das wollte ich doch gar nicht. Ich wollte etwas anderes erzählen, aber das teilt sich nicht mit.

Helga: Deine Annahme, Claudia, dass ein Formwille hinter jedem Text steht, finde ich wertvoll. Warum schreibt jemand, warum ist er kreativ? Weil er etwas formen will, in diesem Fall mit der Sprache. Und ich wollte noch was zur Motivation sagen. Feedback ist auch ein Anreiz, aus einer Blockade herauszukommen. Man möchte zum Beispiel bei der Anthologie dabei sein, und deswegen setzt man sich hin und arbeitet an seiner Geschichte.

Ma-Lu: Ich habe oft erlebt, dass mich unsere Treffen sehr zum Schreiben angeregt haben. Wenn wir uns wie immer Samstag Nachmittag getroffen haben, habe ich mich Sonntagmorgen sofort hingesetzt und geschrieben.

Sylvia: Ich manchmal schon Samstagabend. Dann  habe ich auf das gemeinsame Abendessen verzichtet, um  gleich an meiner Geschichte arbeiten zu können.

Ma-Lu: Echt?

Sylvia: Klar! Denn wenn einen die Muse küsst, muss man gleich reagieren!