Maria Luise Beer

LESEPROBE

 

Auszug aus "Hochzeitsmärchen"

Vor einigen Jahren reiste ich im Zug von Rom nach Florenz. Ich nahm den Regionalzug, da die Reise nicht allzu lange dauern würde, wobei ich in Kauf nahm, dass dieser Zug in jedem kleinen Bahnhof hielt.

Auf der Suche nach einem ruhigen Platz entdeckte ich ein Abteil, in dem nur ein älterer Mann saß. Er las in einem Buch. Ich öffnete die Tür des Abteils, verstaute meine Reisetasche in der leeren Gepäckablage und setzte mich auf dem Platz ihm gegenüber. Meine Blicke wanderten zu dem Mann. Da er den Kopf über das Buch gesenkt hielt, betrachtete ich ihn neugierig. Er hatte kein Gepäck bei sich und war seltsam gekleidet für eine Reise. Im Knopfloch seines eleganten, dunkelgrauen Anzugs steckte eine rote Nelke und am blütenweißen Hemdkragen saß eine rote Fliege. Das wirkte sehr feierlich und ich überlegte, woher er wohl kommen mochte oder wo er gerade hinfährt? 

Schließlich ermüdete es mich, länger darüber nachzudenken. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete die vorbei fliegende Landschaft. Ich dachte an meine Freundin Luisa, die mich am Bahnhof so zärtlich verabschiedet hatte. Jetzt hätte ich sie gerne bei mir gehabt. Wir hätten miteinander geredet oder uns einfach nur aneinander gelehnt. Da fiel mir das Foto ein!. Ich griff in meine Jacke und nahm ihr Foto aus meiner Brieftasche. Luisa! Sie lachte in die Kamera. Das blonde Haar vom Wind zerzaust, die Wangen gerötet, die Hände abwehrend erhoben. Ich hatte sie fotografiert, als wir im letzten Jahr eine Bootsfahrt auf dem Tiber unternommen hatten.

In Erinnerung an diesen unbeschwerten Sommertag und der Tatsache, dass ich sie gerade sehr vermisste, seufzte ich. Der Mann blickte von seinem Buch auf. „Ihre Frau?“ fragte er und zeigte auf das Foto. 

„Nein“, entgegnete ich. „Luisa, meine Freundin!“

„Darf ich es ansehen?“ Ich reichte ihm stolz das Foto.

Behutsam legte er sein Buch zur Seite und nahm das Foto in die Hand. Während er es betrachtete, fragte er mich:. „Lieben Sie Luisa?" 

Die Frage überraschte mich und ich zögerte kurz. Gerade, als ich antworten wollte, sagte er mit einem Lächeln:: „Ich bin heute morgen in Orvieto in den Zug gestiegen und nach Rom gefahren. Dort habe ich am Bahnhof einen Espresso getrunken und auf diesen Zug gewartet, der mich wieder nach Orvieto zurückbringt. In einer halben Stunde werde ich da sein. Es klingt sicher verrückt, was ich Ihnen jetzt sage! Ich fahre nach Orvieto, um zu heiraten. Meine zukünftige Frau holt mich vom Bahnhof ab und wir werden gemeinsam zur Kirche gehen. Sie hat sich gewünscht, dass ich am Tag unserer Hochzeit mit dem Zug in mein Heimatdorf komme. Ohne Gepäck, nur mit einem großen „JA“ in meinem Herzen. Und sie hat einen guten Grund dafür. Obwohl ich schon alt bin, bin ich sehr aufgeregt!"

Er sah meinen überraschten Blick und fuhr fort: „Oh, wie sollen Sie verstehen, was ich da erzähle? Dazu müssten Sie meine Geschichte kennen. Möchten Sie sie hören?“ Mir gefiel der Mann und ich sagte erfreut: „Ich höre gern Geschichten!“ Er schmunzelte und begann zu erzählen:

„Ich war etwa so alt wie Sie, als ich aus meiner Heimatstadt Orvieto fort ging. Sicher, ich hatte dort eine süße Freundin, Gabriela, die schon von Heirat und Kindern sprach. Doch ich hatte andere Träume, die ich erst verwirklichen wollte. Ich träumte von Reichtum und wollte ein angesehener Mann werden. Und für diese großen Träume erschien mir mein Heimatort viel zu klein und zu eng!

Deshalb ging ich damals leichten Herzens aus Orvieto fort und ließ auch Gabriela zurück. Ich reiste nach Mailand. In meinem Beruf als Schreiner fiel es mir damals leicht, eine Arbeit zu finden. Anfangs schrieb ich viele Briefe an Gabriela. Und fast täglich kamen welche von ihr. Doch mit der Zeit schrieb ich immer seltener. Und die Briefe, die sie mir schickte, öffnete ich oft tagelang nicht

Das hatte seinen Grund!

Helga Gruschka

Brüder

„Höllisch aus dem Chaos ragen nur noch die Stahlgerippe heraus!“

„Erster Krieg des 21. Jahrhunderts!“

Ich sehe, ich höre, ich spüre, die ganze Welt wird sich ändern.

Der Afghanenteppich unter meinen Füßen verwandelt sich in Kiesboden, mein Vater putzt sein Reitpferd, es ist früh am Morgen, ich darf helfen, der Nachbar schaut zu. Ich reiche Qualle bis zur Schulter, die Hände meines Vaters und sein Gesicht sind über dem Rücken des Pferdes. Ich schaue auf Vaters Hände und versuche die kraftvollen Bewegungen, mit denen er den Striegel durch das Fell des Pferdes zieht, nachzuahmen. Der Nachbar sagt, er habe in den Nachrichten gehört: „Russland hat Deutschland den Krieg erklärt.“ Der Striegel streicht langsamer, streicht ohne Kraft, verliert die Richtung, ich schaue hinauf. Vaters Mund, der mir jeden Morgen Späße erzählte, sieht ganz anders aus, ernst, noch mehr als ernst, er sagt: „Jetzt haben wir den Krieg verloren!“

„Mein Gott, was ist hier passiert!“

„Wo das Symbol der Stadt stand, nur noch eine rauchende Lücke in der Skyline!“

Fatimas schmale braune Hände greifen ins Leere, suchen ihren Gesichtsschleier, seit ihrem zwölften Lebensjahr konnte sie ihr Gesicht dahinter verstecken. Jetzt hat sie ihn abgelegt, abgelegt aus Furcht, seinetwegen verfolgt zu werden. Die braungoldene Haut ihres jungen Gesichtes ist stumpf geworden, hat alles Licht verloren, sie schildert ihre Flucht, ihre Flucht aus einem Land, das jetzt angegriffen, bombardiert und zerstört werden soll.

„Ein Verbrechen hat die Welt verändert!“

„Wir werden die Täter jagen!“

Fatimas Haut ist grauolive wie die Uniformen der Soldaten, die Lippen fest aufeinandergepresst, die Hände mit fahrigen Bewegungen auf der Suche nach etwas, was es nicht mehr gibt. Sie schweigt.

„Hast du noch Geschwister dort?“ frage ich sie.

„Nein“, Fatima senkt den Blick, „Mein Bruder ist bei dem Anschlag ums Leben gekommen.“

„Nach dem massenmörderischen Angriff vermutet man Tausende von Toten unter den Trümmern.“

Ums Leben gekommen. Unter den Trümmern.

„Ihr Bruder ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim Kampf um Berlin ums Leben gekommen“, schrieb mir das Rote Kreuz fünfundzwanzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg.

Nach dem zweiten Weltkrieg, denke ich schon ganz selbstverständlich. Vor ein paar Tagen hätte ich gesagt, nach dem Krieg. Aber jetzt, muss man die Kriege wieder nummerieren.

Ich lege meine helle, faltige Haut auf die glatte braune: „Auch mein Bruder wurde von Schutt und Asche begraben. Niemand weiß, ob er von amerikanischen Bomben, russischen Granaten oder deutschen Panzerfäusten getötet wurde.“

Die zarte Gestalt richtet sich auf, „Aber ich weiß, meinen Bruder tötete die Explosion von Kerosin, das aus arabischem Öl destilliert wurde.“

„War dein Bruder“, frage ich vorsichtig.

„Ja, er hat sich geopfert!“ sagt Fatima, „Er ist jetzt glückselig im Jenseits!“ Ihre Augen leuchten wieder.

Ich denke zurück an die Bilder der alten Wochenschauen, die Explosionen, die Brände, die Trümmer, ich höre die schneidende Stimme des Diktators und ich weiß nicht, wohin mein Bruder den blutigen Opfergang für „seinen Führer“ gegangen ist.

Barbara Ludwig

Barbara Ludwig - Leseausschnitt:

Venedigs dichtende Kurtisane Veronica Franco – Liebeslust

AAVAA Verlag Januar 2016

 

Als die Gondel in dunkle Kanäle einbog, in einer Gegend Venedigs, die nicht zu den besten gehörte, regte sich meine Angst und sie steigerte sich, als man mich bei einem ziemlich finsteren Haus absetzte.

Ich beglückwünschte mich zu meiner Umsicht, meinen eigenen, treuen Gondoliere gebeten zu haben, der Gondel zu folgen und - wo auch immer - auf mich zu warten. Aber“, hier legte Veronica eine Pause ein, trank einen Schluck Wein und steckte sich eine der Trauben zwischen die Lippen. Sie bemerkte mit Freude, dass niemand das Wort erhob, und genoss die gespannte Stille, als sie die Traube auf der Zunge zergehen ließ. Als sie fortfuhr, lächelte sie.

„Im Haus erwartete mich das genaue Gegenteil: Eine breite, pompöse Treppe, Samt, Teppiche, wärmende Feuer auf den Treppenabsätzen, alles war in gedämpften, dunklen Farben gehalten. Eine Dienerin führte mich in einen Raum, in dessen Mitte eine große Bettstatt prangte. Ohne ein Wort zu verlieren, geleitete sie mich zu einem Hocker und begann, mich Stück für Stück zu entkleiden. Erst wollte ich mich wehren, versuchte zu fragen. Aber sie schüttelte nur den Kopf und wie unter einem Zwang ließ ich sie gewähren.

Als ich völlig nackt vor ihr stand, zauberte sie einen lieblich nach Aprikosen duftenden Handschuh hervor, streifte ihn über und fing an, mich mit ihm abzureiben. Sie bückte sich zu meinen Füßen, um mit den Zehen zu beginnen. Der etwas raue Handschuh massierte meine Fußsohlen angenehm und erzeugte ein Kribbeln, das sich, je höher sie sich vorarbeitete, ausdehnte. Als ihre Hand sich den Innenflächen meiner Schenkel näherte und sie das Dreieck meiner Scham nachzeichnete, bebte ich. Jetzt nahm sie ihre Zunge zu Hilfe und umkreiste meinen heiligen Gral, ich floss vor Verlangen und Lust dahin. Sie schien mein Stöhnen nicht wahrzunehmen, sondern fuhr, nachdem sie meine heiße Welle in Empfang genommen hatte, einfach mit der Behandlung fort. Ihre Hände, erst jetzt bemerkte ich, dass sie an beiden Handschuhe trug, strichen um mein Hinterteil und später um meine Brüste und stachelten meine Lust weiter an.

Von einer Sekunde auf die andere beendete sie ihr Tun. Ich stand wie erstarrt, ein wenig verloren und enttäuscht im Raum, betäubt vom starken Duft des Aprikosenöls, der mir von meinem Körper in die Nase stieg. Sie reichte mir ihre Hand und bedeutete mir, mich auf das Bett zu legen. Nein, legen wäre ein falscher Ausdruck, sie drapierte mich wie ein Bild auf die weichen, fließenden, dunklen Laken. Ich schloss die Augen, denn auch dieses Zurechtrücken verband sie mit liebkosenden Berührungen.

Völlig in meine Empfindungen versunken, merkte ich zu spät, dass sie mir eine Augenbinde anlegte. Ich protestierte schwach, zu angenehm waren ihre Zärtlichkeiten.

Hatte mich für einen Moment der Gedanke durchzuckt, sie hätte mir die Zeilen geschickt und hatte ich Vermutungen angestellt, wer sie sein könnte, spürte ich einen Wechsel. Männerhände, zwar ebenso zärtlich, aber ungleich fester und zupackender lösten die zarten Frauenhände ab. Sie setzten das Spiel fort, ungleich wissender und fordernder.

Und nicht nur die warmen, geschickten Hände dieses Mannes versetzten meine Sinne in Aufruhr“, Veronica machte eine Pause und sagte dann leichthin: „Mehr verrate ich nicht. Ich wünsche allen eine gute Nacht.“

Noch in ihre Gedanken versponnen wandelte sie den Gang entlang, der zu dem Gästebereich und zu ihrem Zimmer führte, als sich aus dem Schatten eines Zimmereinganges eine Gestalt löste. Einen Wimperschlag später fühlte sie sich von starken Armen umfangen und eine Stimme flüsterte ihr ins Ohr: „Ich hoffe auf eine Fortsetzung der Geschichte, mia tesora.“

 

Rabea Müller

 

Irgendwo in Dir

 

Der triste Himmel macht mich krank ...“

singt PUR und ich öffne frustiert meinen Schrank.

Ich betrachte die Dinge meines Lebens,

sie sind voll des Erinnerns und Erlebens …

 

Doch heute kann man mich mit allem jagen,

so mancher Kollege tat es schon ohne zu fragen.

Ich habe das Gefühl, tiefer und tiefer zu sinken

und an mir und den grauen Wolken zu ertrinken.

 

Da erscheint ein kleines rotes Männlein mit großer Zauberkraft

es bringt mich zum Lachen, ich weiss gar nicht, wie es das schafft.

Mosaik ist sein Name, so mancher kennt ihn sogar schon seit Jahren -

lässt es sich doch einfach wunderbar mit ihm durch´s Leben fahren …

 

Denn Mosaik, so klein er auch ist, lässt sich nicht beirren

schon gar nicht kann Trübsal ihm das Gemüt verwirren.

Ein Schlenker des Zauberstabes versprüht Lebenslust in allen Farben.

Klettere aus dem Abgrund! Es wird Zeit, sich am Leben zu laben.

 

Wie ..., was …? Du möchtest nun Mosaik kennenlernen?

Ich kann ihn fragen – greif aber nicht zu sehr nach den Sternen.

Er erscheint leider nicht jedem. Mit dem Dichten kannst Du ihn jedoch locken.

Versuch  es. Dichten macht Spaß und ist überhaupt nicht öde und trocken

 

Irgendwo ist immer Sommer, glaub mir.

Und jeder Regentag endet mit einem Regenbogen in Dir.

Höre auf Dein Herz! In ihm wohnt ein kleines Männlein -

mit Witz und Zauberkraft lässt es Dich nie allein ...

 

Claudia Ruß

Aus dem Roman „Margundes Flügel“, die Geschichte der Freundschaft

zwischen zwei sehr verschiedenen Mädchen.

 

Margunde hörte mir diesmal zu. Sie hörte sich alles an, und unterbrach mich kein einziges Mal.

Der Mischko ist in Ordnung“, sagte ich zum Schluss, „obwohl er Lehrer ist, und die Birgit will jetzt auch mal ins Freitz. Sie hat mich gefragt, ob wir zusammen hingehen.“

Ich hoffte, dass Margunde neidisch sein würde, weil ihre Eltern kein Wochenendhaus hatten. Und weil Birgit Mischko mich eingeladen hatte. Margunde sollte neidisch werden und sich ärgern. Es war die Rache dafür, dass sie nicht zu meiner Geburtstagsfeier gekommen war.  Bestimmt würde sie mich gleich fragen, ob Birgit und ich sie ins Freitz mitnehmen würden.

Weißt du, was?“, sagte Margunde stattdessen, „wir sind Schwestern. Wir sind wiedergeborene Schwestern und haben früher zusammen in dem leeren Haus an der Helmreichstraße gelebt, so vor hundertzwanzig Jahren ungefähr. Ich war nämlich am Samstagabend mit meinem Bruder und seinen Freunden dort, und da sind wir einander begegnet, obwohl du ja eigentlich am Moorsee warst.“

Was sind wir?“

Nun war keine Rache mehr möglich, denn Margunde setzte sich auf die Bank an der Sandkiste und zog mich neben sich.

Die anderen hatten ein Feuer im Kamin gemacht und sie tranken Bier und erzählten sich was. Ich saß auf dem Boden, hörte ihnen zu und langweilte mich ziemlich. - Da spürte ich etwas, eine ganz leichte Berührung an der Schulter, so ungefähr. Und dann hörte ich eine Stimme, ganz leise, aber doch deutlich. Die anderen bemerkten gar nichts. Aber ich ging hinauf in das Turmzimmer, von daher kam nämlich die Stimme und das war deine Stimme.“

Constanze!“, rief die Stimme.

Ich komme gleich, Emma“, antwortete ich.

Oben hörte ich dich dann sagen: „Ich bin hier, bei dir“, immer wieder. Und das war zu der Zeit, als du mit dieser Mistkuh oder so ähnlich - als du am Moorsee warst. Ist das nicht komisch?“

So um acht, am Samstaggabend“, sagte Margunde. „Hast du zu dieser Zeit irgendetwas Besonderes bemerkt? Streng dich an!“

Ich versuchte es. Am Samstagabend waren wir spazieren gegangen. Herr Mischko und seine Frau gingen voraus, ich folgte mit Birgit in einem recht großen Abstand, weil wir uns über die anderen Lehrer unterhielten und sie nachmachten. An Margunde hatte ich gar nicht gedacht, das ganze Wochenende nicht.

Ich glaube nicht“, sagte ich, „wir waren spazieren, wir sind um den See herumgegangen. Und danach haben wir noch Karten gespielt und ich habe mit Birgit geredet, ziemlich lang. Wir haben nämlich in einem Zimmer geschlafen und im Bett noch Kekse gegessen und Cola getrunken.“

Total uninteressant“, sagte Margunde, „aber vorher, so um acht, war da irgendetwas? Irgendetwas, das dir komisch erschien, auch wenn du nicht verstanden hast, warum? Denk doch nach!“

Nein, da war überhaupt nichts“, beharrte ich, „mir ist gar nichts aufgefallen.“

Margunde legte ihre Hand auf meine Schulter und beugte sich zu mir herüber. Sie kam ganz nah.

Im Moorsee“, sagte Margunde, „sind doch unsere Eltern ertrunken, erinnerst du dich wirklich nicht? Sie sind in ein Ruderboot eingestiegen, das einsam im Schilf lag, und auf den See hinausgefahren und wir standen am Ufer und haben zugesehen, wie sie immer weiter hinausfuhren. Dann ist Wilhelm-Perceval, so hieß unser Vater, aufgestanden und wir haben gesehen, wie er mit unserer Mutter Nanni den Platz tauschen wollte, weil sie auch mal rudern wollte. Sie standen auf und umarmten sich ganz fest, doch eigentlich wollten sie sich aneinander festhalten. Dann schwankte das Boot noch mehr, und wir hörten sie „Hilfe“ rufen. Wir wollten ins Wasser und ihnen helfen, aber wir konnten doch auch nicht schwimmen, das konnte damals fast niemand. Erst waren da noch die Rufe, und die Arme und die Hände, aber dann war nichts mehr, und wir liefen am Ufer hin und her und keiner kam. Endlich war es ganz still. Nur das Boot sah man noch, es trieb umgekippt auf dem Wasser. Und der Mond schien ganz silberhell über die leere Fläche. Dunkel und verloren rief ein Käuzchen. Dann machte es glucks. Das war der Zylinderhut unseres Vaters, der aus der Tiefe emporstieg, weil im Inneren so viel Luft eingeschlossen war.“

Das kannst du doch nicht vergessen haben“, sagte Margunde.

Ich wusste, dass sie das alles erfunden hatte. Ich hätte es auch gewusst, wenn sie den Mond und das Käuzchen und den Zylinderhut von Wilhelm-Perceval weggelassen hätte. Ich wusste, dass der Moorsee, an dem wir spazieren gegangen waren, eigentlich kein richtiger See, sondern mehr ein Badeweiher war. Ich wusste, dass ein mit Luft gefüllter Zylinder gar nicht untergehen würde.

Und doch dachte ich immer wieder an Emma und Constanze. 

Edith Wiegel

 

D E R  A D L E R

 

Unauffällig sandfarben stand das alte Haus in der steinigen Landschaft. Seit vielen hundert Jahren blies der Wind von Südwest nach Nordost darüber hinweg. Das Haus hatte sich dem ewigen Wind ergeben und sich leicht geneigt, so wie die einsame Pinie, die den Hinterhof beschattete.

Niemals hätte man als Reisender erwartet, hier Menschen anzutreffen. Die Sonne, die unerbittlich vom Himmel brannte, und der feine gelbe Staub, der alles bedeckte, luden nicht zum Verweilen ein.

Der Ausblick von der Veranda des Hauses allerdings war großartig. Man sah weit über die Insel, hinunter über die grünen Täler bis zum Meer.

Dieser Ausblick hatte sie verlockt, das Haus in Besitz zu nehmen und es zu bewohnen. Täglich fuhr sie mit ihrem kleinen Wagen den schmalen, serpentinenreichen Weg zum Dorf hinab, kaufte, was sie brauchte und trank in der Bar einen starken, schwarzen Kaffee, bevor sie wieder in ihre Einsamkeit zurückkehrte.

Auf der Rückfahrt hielt sie an dem kleinen See, der auf der Strecke lag, schwamm ein paar Runden, ließ sich in der Sonne trocknen und lauschte  den Vögeln, die in Scharen diesen See bevölkerten.

Wieder im Haus, fütterte sie die Katze, ihre einzige Begleiterin, die eines Morgens auf dem Stuhl lag, den sie unter die Pinie gestellt hatte. Sie gab ihr von ihrem Früh­stück und die Katze blieb.

Am Nachmittag malte sie. Es war immer das gleiche Motiv: den Kopf eines alten Mannes. Sie sah ihn vor sich, klar, mit scharfen, markanten Zügen. Aber es gelang ihr nicht, etwas aufs Papier zu bringen, das diesem Bild entsprach.

Seit sie hier lebte, vollkommen auf sich gestellt und zeitlos, haderte sie deswegen nicht mehr mit sich. Sie würde es versuchen, immer wieder. Und sie war sicher: eines Tages würde es gelingen.

Die schönste Zeit des Tages war die Stunde des Sonnen­untergangs. Ein Glas Rotwein mit Wasser gemischt in der linken Hand, die rechte auf ihrem Bauch unterhalb des Nabels, saugte sie die vielen Farben ein, die die graue Landschaft im Abendlicht erhielt.

 

Wenn die Nächte kühler waren, machte sie Feuer im Kamin, las bei Kerzenschein in irgendeinem Buch oder hing ihren Gedanken nach. Niemals nutzte sie diese Stunden zum Zeichnen. Sie ließ das Bild des alten Mannes los, so wie sie alle anderen Bilder ihres Lebens losgelassen hatte. Sie schuf auch keine neuen. Es gab nur dieses eine Bild.

Manchmal erwachte sie mit einem Traumbild, das sie spätestens bei ihrem täglichen Bad im See mit dem Staub des Ewigen Windes abwusch.

Eines Nachts träumte sie von einem verletzten Vogel. Es war ein großer, stolzer Adler mit mächtigen Schwingen. Benommen und verwirrt wachte sie auf. Im Dorf vergaß sie beinahe ihren täglichen Kaffee, so sehr drängte es sie, in den See zu tauchen und das Traumbild wegzuwaschen.

Am Nachmittag gelang ihr das Portrait des Alten so gut wie nie zuvor.

Als der Adler ihr ein zweites Mal im Traum erschien, wieder verletzt und noch kläglicher aussehend trotz all seiner Stärke, änderte sie ihren Tagesrhythmus. Sie fuhr nicht ins Dorf, sondern badete sehr ausgiebig, tauchte, wusch sich, schwamm mal langsam, mal schnell, lag bewegungslos auf dem Rücken und suchte dabei am Himmel und auf den Bäumen rings um den See nach ihrem Traumbild.

Doch auch dieses Mal gelang es ihr, das Bild abzustreifen und sich der Aufgabe zu widmen, die ihr Leben war.

 

Die Tage wurden kürzer und der Wind kühler. Eines Nachts wachte sie auf und es schien ihr, als sei in das ewige Rauschen des Windes der unregelmäßige Flügelschlag eines gehetzten Tieres gemischt.

Sie fand keinen Schlaf mehr, kleidete sich an, nahm ihre Laterne und ging hinters Haus, wo es windgeschützt und still war. Sie legte sich auf den steinigen Boden und sah in den sternenklaren Himmel, in den ihre Augen das Bild des Adlers zeichneten. Sie spürte weder die Kälte, die sich in ihrem Körper ausbreitete, noch die Tränen, die über ihr Gesicht rannen.

Am nächsten Morgen war die Katze weg. Sie suchte nicht wirklich nach ihr, aber sie sah sich im Haus und im Schuppen um, ob sie sie irgendwo entdeckte.

An diesem Tag malte sie nicht.

 

Am folgenden Tag zog sie ihr Stadtkleid an und fuhr quer über die Insel, um neue, andere Farben zu kaufen. Nur selten ließ sie ihr Haus, den See und das Dorf hinter sich, um die schroffen Berge zu durchfahren.

Sie mochte den Nordosten der Insel nicht. Vor dem grauen Meer erhoben sich die Türme einer schier endlosen Stadt: Kirchtürme, Festungstürme, Schlote, Kamine. Und beinahe jeder Turm trug eine Uhr. Das war das Geräusch der Stadt: Tick-Tack-Tick-Tack. Es drang in ihre Ohren, setzte sich in ihrem Körper fort und nahm ihn gefangen.

Der Rhythmus der Uhren wurde zu ihrem eigenen; sie schob und drängelte mit den Menschen auf den Bürgersteigen, überquerte eilig eine Straße, obwohl die rote Ampel es ihr verbot. Trotzdem bewegte sie sich ziellos und suchte in den Gesichtern der Menschen nach Zügen dieses einen Gesichts, das seit Jahren ihr Begleiter war.

Irgendwann stand sie vor dem Laden mit den Malerfarben und kaufte, was sie benötigte. Der Verkäufer hatte meistens alles griffbereit, was sie brauchte. Es war, als warte er auf sie und wüsste genau, was sie wollte. Sie redeten nie ein privates Wort miteinander und trotzdem schien ein Lächeln über sein Gesicht zu huschen, wenn sie den Laden betrat.

Der Kauf der neuen Farben, braun, Ocker, gelb und rot, stimmte sie fröhlich und ein wenig übermütig. Sie beschloss, ihren Aufenthalt in der Stadt zu verlängern und den Hügel zu besuchen, auf dem die Ruinen einer alten Festung, von Oleander und Pinien beschattet, langsam wieder zu Staub wurden.

Der Ewige Wind blies auf der Nordhälfte der Insel nicht so stark, es war schwül und heiß. Die Zikaden sägten ihr Lied und im Tick-Tack der tausend Stadtuhren bewegte sie ihre Füße vorwärts. Und umso höher sie stieg und umso tiefer die Stadt unter ihr versank, umso leiser wurde das Hämmern in ihrem Kopf. Sie fand zu ihrem Rhythmus zurück.

Sie setzte sich auf eine der Bänke, die rings um die Ruinen aufgestellt waren und sah sich um. Jemand saß auf der Bank neben der ihren. Er war höchstens 30 Jahre alt, hatte breite Schultern und gewelltes, braunes Haar. Ein Bein auf die Bank gelegt, die groben Hände im Nacken verschränkt, hielt er den Kopf der Sonne entgegen.